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Edradour vs. Dailuaine – Zwei 21-jährige Sherry-Monster im direkten Duell
Es gibt Whiskys, auf die freut man sich und weiß genau: Hierfür werde ich Zeit brauchen. Schwierig für eine YouTube Verkostung, aber wozu gibt es Schnitte ;). Genau so ging es mir mit diesen beiden Kandidaten aus Schottland. Zwei 21 Jahre alte Scotch Schwergewichte, beide mit Fokus auf Sherryfass-Reifung, beide mit ordentlicher Fassstärke unterwegs.
Also habe ich beschlossen, daraus direkt ein Whisky Battle zu machen:
Ein 21 Jahre alter Edradour gegen einen 21 Jahre alten Dailuaine. Highlands gegen Speyside. Man könnte auch fast sagen „Craft gegen Industrie“ auch wenn das natürlich etwas plakativ ist. Und ich kann direkt sagen: Dieses Duell war deutlich spannender, als ich erwartet hatte.
Die Brennerei Edradour – Kultstatus unter Whisky-Nerds
Edradour Distillery gehört für mich zu diesen Brennereien, die unter echten Whiskyfans längst Kultstatus erreicht haben. Die kleine Highland-Destillerie produziert gerade einmal rund 340.000 Liter im Jahr – winzig im Vergleich zu den großen Namen der Branche. Genau das macht aber einen Teil des Charmes aus. Hier wirkt vieles bewusst handwerklich, fast schon kompromisslos traditionell. Besonders bekannt ist Edradour für intensive Sherryfass-Reifungen, schwere Aromatik und Whiskys mit ordentlich Charakter.
Die Brennerei gehört Andrew Symington, dem Kopf hinter Signatory Vintage, und genau diesen Einfluss schmeckt man häufig auch. Edradour ist keine Brennerei für Mainstream-Whiskytrinker. Die Abfüllungen sind oft kräftig, dunkel, würzig und nussig und manchmal fast schon herausfordernd. Gerade deshalb lieben viele Whisky-Nerds diese Destille so sehr. Wer auf elegante Zurückhaltung hofft, ist hier meist falsch – Edradour ist in der Regel ein „Straight Forward“ Whisky.
Dailuaine – Die unterschätzte Speyside-Brennerei
Dailuaine Distillery ist dagegen eine dieser Brennereien, die viele Whiskyfans vermutlich noch nie bewusst wahrgenommen haben. Und das, obwohl dort jährlich mehrere Millionen Liter produziert werden. Der Grund dafür ist einfach: Dailuaine landet größtenteils in Blended Whiskys und taucht nur selten als offizieller Single Malt auf. Die Brennerei gehört zum Konzern Diageo und läuft eher im Hintergrund – weit weg vom Rampenlicht großer Marken wie Lagavulin oder Talisker.
Die einzige halbwegs offizielle Abfüllung der Destille stammt aus der alten Flora-&-Fauna-Reihe mit 16 Jahren. Mich hat dieser Whisky abgeholt, trotz Farbstoff und 43 % Vol. Typisch für Dailuaine sind oft nussige, wachsige und tabakartige Noten, kombiniert mit einer schönen Eleganz. Genau das macht diese Brennerei für mich durchaus interessant.
Das Battle: 21 Jahre Sherry gegen 21 Jahre Sherry
Beide Whiskys bewegen sich preislich in einer Region, die für mich persönlich nicht alltagstauglich ist. Der Dailuaine „Marbled Treasures“ lag ursprünglich bei rund 450 Euro UVP, während der Edradour 21 Jahre Oloroso Cask Finish irgendwo zwischen 350 und 400 Euro liegt.
Das sind Flaschen, die ich mir privat wahrscheinlich niemals kaufen würde. Aber genau deshalb liebe ich Tastings so sehr: Man bekommt die Möglichkeit, solche Ausnahme-Whiskys überhaupt einmal ins Glas zu bekommen.
Schon optisch waren die Unterschiede spannend.
Der Edradour wirkte deutlich dunkler, schwerer und öliger. Im Glas zeigte er sogar leichte Schwebstoffe – ein gutes Zeichen dafür, dass hier nicht aggressiv filtriert wurde. Der Dailuaine dagegen erschien klarer und eleganter.
Und genau dieser Eindruck setzte sich später auch im Aroma fort.
In der Nase: Eleganz gegen Wucht
Der Dailuaine überraschte mich sofort mit unglaublicher Ruhe und Tiefe. Waldhonig, dunkle Rosinen, Datteln, etwas Pfeifentabak und eine wunderschöne Weinkeller-Note stiegen aus dem Glas. Alles wirkte rund, weich und hervorragend integriert. Nichts sprang aggressiv hervor. Genau diese Eleganz liebe ich bei älteren Speyside-Whiskys.
Der Edradour dagegen machte sofort klar, aus welcher Richtung der Wind weht.
Mehr Sherry. Mehr Süße. Mehr Gewürze.
Hier kamen direkt intensive Noten von Erdbeermarmelade, Muskat, Nelke, Walnuss und dunklem Karamell. Der Whisky wirkte deutlich lauter und kräftiger. Fast so, als würde er einen anschreien: „Hier bin ich!“
Beeindruckend war das definitiv. Aber eben auch deutlich anstrengender.
Am Gaumen: Zwei völlig unterschiedliche Charaktere
Der Dailuaine überzeugte mich vor allem durch Balance. Trotz Fassstärke blieb er cremig, weich und unglaublich harmonisch. Besonders spannend fand ich die dunklen Bienenwachs-Noten, kombiniert mit Rosinen, Brotkruste und leicht nussigen Aromen. Das Finish war lang, komplex und elegant.
Beim Edradour ging es deutlich aggressiver zur Sache.
Viel Holz. Viel Würze. Dunkle Frucht. Lakritz. Bittere Tannine. Dazu massive Sherry-Aromen und eine fast fleischige Umami-Note, die mich teilweise an Barbecue-Soße erinnerte. Faszinierend – aber auch grenzwertig intensiv.
Ich hatte zeitweise sogar das Gefühl, dass dem Edradour ein paar Jahre weniger Fasskontakt besser getan hätten. Für meinen Geschmack war die Eiche hier fast schon zu dominant.
Mein Fazit: Überraschungssieg
Vor dem Tasting hätte ich vermutlich automatisch auf Edradour getippt. Mein Nerd-Herz liebt kleine Brennereien, Sherrybomben und kompromisslose Charakter-Whiskys.
Aber blind nach Geschmack?
Da gewann für mich tatsächlich der Dailuaine.
Er war runder, eleganter und deutlich besser ausbalanciert. Während der Edradour mich regelrecht attackierte, nahm mich der Dailuaine mit auf eine ruhige, komplexe und unglaublich angenehme Reise.
Beide Whiskys sind hervorragend. Beide sind massiv überteuert. Aber wenn ich mich für einen entscheiden müsste, würde ich jederzeit wieder zum Dailuaine greifen.
Und genau deshalb liebe ich Whisky Tastings:
Man entdeckt immer wieder Überraschungen – selbst dort, wo man sie am wenigsten erwartet.
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Bis später!
Euer Leon

