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Micil Earls Island: Ein irischer Whiskey mit kleiner Überraschung

Irischer Whiskey und ich – Beziehungsstatus „Es ist kompliziert“. Dabei habe ich eigentlich eine ganz besondere Verbindung zu Irland: Ich habe Anfang 20 einige Zeit dort gelebt, unter anderem in Dublin und Galway. Gerade Galway ist mir damals sehr ans Herz gewachsen. Umso spannender ist es für mich, die Entwicklung der dortigen Whiskeyszene zu beobachten.

Auf der Just Whisky in Hamburg bin ich schließlich auf den Micil Earls Island Single Pot Still Irish Whiskey gestoßen. Die Brennerei kannte ich bereits von ihrem Poitín, den ich bei meinen Kollegen vom Dram Good Whisky Podcast probiert hatte – und der mich damals durchaus begeistert hat. Entsprechend groß war meine Neugier auf den ersten Whiskey von Micil.

Doch ganz so einfach ist die Geschichte nicht.

Micil: Poitín mit langer Tradition

Die Geschichte von Micil reicht bis ins Jahr 1848 zurück. Über mehrere Generationen beschäftigte sich die Familie mit der Herstellung von Poitín, jener traditionellen irischen Spirituose, die gewissermaßen als Vorläufer des modernen Whiskeys gelten kann.

Die heutige Micil Distillery in Galway wurde 2016 gegründet. Mit der Whiskeyproduktion begann man dort 2020. Rein zeitlich wäre damit mittlerweile theoretisch Whiskey aus eigener Produktion möglich.

Zu meiner kleinen Enttäuschung ist der Earls Island allerdings noch kein solcher Whiskey.

Micil macht daraus auf seiner Website keinen Hehl: Der verwendete Single Pot Still Whiskey wurde bei der Great Northern Distillery hergestellt und anschließend bei Micil weiter gereift und abgefüllt. Für mich war das zunächst eine kleiner Downer, denn ich hatte auf der Messe nicht näher nachgefragt und damit schlicht angenommen, bereits Whiskey aus der eigenen Produktion von Micil im Sample mitzunehmen.
An dieser Stelle auch der Hinweis, dass es sich um ein gratis Sample handelt, danke an Irish Whiskey und Thorsten, für dieses liebe Take-Away!

Gerade für jemanden, der sich intensiv mit schottischem Whisky beschäftigt, ist das zunächst ungewohnt. Zwar wird auch in Schottland bei junge Brennereien bereits vor dem ersten eigenen reifen Whisky mit zugekauftem Spirit gearbeitet (siehe While we wait von Raasay). In Irland ist dieses Vorgehen aber deutlich weiter verbreitet, mit dem entscheidenden Unterschied, dass der Name der Destille prominent auf den Flaschen steht, während der Inhalt nicht zwingend in der Brennerei hergestellt wurde. Für mich bleibt das eine ungewohnte und etwas enttäuschende Praxis in Irland, da ich mir so nie sicher sein kann, was ich eigentlich im Glas habe.

Was steckt im Earls Island?

Der Earls Island ist ein dreifach destillierter Single Pot Still Whiskey aus der Great Northern Distillery. Die ursprüngliche Reifung erfolgte in Bourbonfässern. Anschließend wurde der Whiskey bei Micil weiter veredelt: 75,5 Prozent reiften in 225-Liter-Bordeaux-Rotweinfässern, weitere 24,5 Prozent in 125-Liter Peated Quarter Casks.

Das Ergebnis wird mit 46 % Vol. abgefüllt, ist nicht kühlgefiltert und nicht gefärbt.

Schon in der Nase zeigt sich ein sehr typischer irischer Charakter: blumige Noten, Gebäck und eine leicht erdige, getreidige Würzigkeit. Dazu kommen die Einflüsse der Rotwein- und Peated-Casks. Der Rauch bleibt dabei dezent im Hintergrund.

Am Gaumen wird der Whiskey deutlich kräftiger. Saftige Frucht trifft auf Malz, Toffee und kernige Getreidenoten. Der Rauch bleibt zurückhaltend und eher erdig. Gleichzeitig besitzt der Earls Island allerdings eine deutliche Schärfe und einen kräftigen alkoholischen Punch.

Für meinen persönlichen Geschmack ist diese Schärfe letztlich einen Tick zu ausgeprägt. Die Aromatik gefällt mir ausgesprochen gut, aber gerade im Hinblick auf den Preis von rund 48 Euro wäre mir das Gesamtpaket nicht ganz rund. Gerade bei gesourtem Whiskey sehe ich den Wert einfach geschmälert. Davon kann ich mich nicht ganz frei machen. Wie siehst Du das?

Trotzdem: Micil bleibt interessant

Trotz meiner Kritik finde ich Micil ausgesprochen sympathisch. Die lange Familiengeschichte, der Fokus auf Poitín und der Versuch, in Galway ein eigenes Whiskeyprofil aufzubauen, gefallen mir sehr gut.

Vor allem bin ich gespannt auf den Moment, in dem die ersten wirklich eigenen Whiskeys der Brennerei auf den Markt kommen. Denn Micil arbeitet unter anderem mit lokalem Getreide und irischem Torf – und genau diese Eigenständigkeit könnte für mich den entscheidenden Unterschied machen.

Der Earls Island ist deshalb für mich kein schlechter Whiskey. Ganz im Gegenteil: Er ist interessant, aromatisch und handwerklich durchaus gelungen. Ich persönlich hätte mir lediglich gewünscht, dass auf den ersten Blick noch deutlicher erkennbar wäre, dass es sich um gesourcten und bei Micil gefinishten Whiskey handelt.

Denn genau hier liegt für mich die wichtigste Erkenntnis: Wer irischen Whiskey kauft, sollte nicht automatisch davon ausgehen, dass der Name auf dem Etikett auch der Name der Destillerie ist, die den Spirit hergestellt hat. Ein kurzer Blick auf die Herstellerangaben oder eine Nachfrage beim Händler kann viel Klarheit schaffen.

Und bei Micil lohnt sich diese Klarheit allemal – denn auf den ersten eigenen Whiskey aus Galway bin ich definitiv gespannt.

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Bis später!

Euer Leon