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Shelter Point Distillery: Kanadischer Single Malt von Vancouver Island

Auf meiner Reise durch Kanada führte mich mein Weg an die Ostküste von Vancouver Island. Dort, rund 50 Kilometer vom kanadischen Festland entfernt, liegt die Shelter Point Distillery – eingebettet in eine beeindruckende Landschaft zwischen Farm und Salish Sea. Gastgeber bei meinem Besuch war Chris Read, der mich durch die Brennerei führte und mir einen detaillierten Einblick in die Herstellung und Philosophie von Shelter Point gab.

Die ganze Führung kannst Du Dir hier ansehen:
Shelter Point Distillery Tour Part 1 – Location, Barley & Climate
https://www.youtube.com/watch?v=qAXswM08Wms

Shelter Point Distillery Tour Part 2 – Whisky Production
https://www.youtube.com/watch?v=13BVYESqHUQ

Shelter Point Distillery Tour Part 3 – Whisky Core Range
https://www.youtube.com/watch?v=8T0en9ViSEc

Schon der erste Blick auf das Gelände macht deutlich, dass die Geschichte der Brennerei eng mit diesem Ort verbunden ist. Shelter Point liegt auf einer rund 380 Acre großen Farm, die 2005 von Gründer Patrick Evans gekauft wurde. Zuvor gehörte das Gelände zur University of British Columbia und wurde als landwirtschaftliche Forschungsstation genutzt. Evans erkannte schnell, dass sich die Böden und das Klima hervorragend für den Getreideanbau eignen – und damit auch für die Whiskyproduktion. Heute werden rund 180 Acres der Farm für den Anbau von Gerste genutzt. Außerdem verfügt das Gelände über einen natürlichen Grundwasser-Aquifer.

Die Verbindung von Landwirtschaft und Whisky zieht sich konsequent durch das Konzept. Die Gerste wird zwar außerhalb der Brennerei gemälzt, danach findet praktisch der gesamte Produktionsprozess vor Ort statt. In der Mash Tun wird das geschrotete Malz mit heißem Wasser vermischt. Rund fünf bis sechs Stunden dauert dieser Prozess, bei dem die Stärke des Getreides in Zucker umgewandelt wird. Die festen Bestandteile werden anschließend nicht verschwendet, sondern als Futtermittel an einen örtlichen Milchviehbetrieb weitergegeben.

Besonders interessant ist die Fermentation. Während viele Brennereien ihre Wash nur wenige Tage fermentieren, lässt Shelter Point dem Prozess deutlich mehr Zeit. Insgesamt sieben Tage dauert die Fermentation. Dadurch entstehen zusätzliche Aromen und Fruchtester, während die Hefe gegen Ende der Fermentation zunehmend gefordert wird. Chris beschreibt diesen zusätzlichen Zeitraum als eine Art Konditionierungsphase, die dem späteren Destillat mehr Komplexität verleihen soll.

Bei der Destillation setzt Shelter Point auf zwei klassische Pot Stills aus Schottland. Die Wash Still fasst 5.000 Liter, die kleinere Spirit Still 4.000 Liter. Gerade bei der Spirit Still spielt der intensive Kupferkontakt eine wichtige Rolle. Er hilft dabei, unerwünschte schwefelhaltige Verbindungen aus dem Destillat zu entfernen und beeinflusst gleichzeitig dessen Charakter. Anschließend werden bei den sogenannten Cuts Vor-, Mittel- und Nachlauf getrennt. Nur das Herzstück wird später als New Make Spirit zur Reifung ins Fass gefüllt. Die Produktion verläuft fast identisch wie die in Schottland.

Überhaupt orientiert sich Shelter Point stark an der schottischen Single-Malt-Tradition. Chris beschreibt das Ziel als einen „authentic single malt“: Whisky, der sich an der klassischen schottischen Stilistik orientiert, ohne dabei den Eindruck erwecken zu wollen, schottischer Whisky zu sein. Denn Shelter Point ist ganz bewusst kanadisch. Gerade die Kombination aus traditionellen Produktionsmethoden und den Möglichkeiten am Standort Vancouver Island eröffnet Raum für eigene Interpretationen.

Das wird auch beim Blick auf die Whiskys deutlich. Ein besonderes Beispiel ist der 10 Year Old Estate Whisky. Hier stammt die Gerste ausschließlich von der eigenen Farm. Sie wird dort angebaut, geerntet, verarbeitet und destilliert – und auch die Reifung und Abfüllung finden vor Ort statt. Laut Chris legt der Whisky damit während seines gesamten Lebens nur ungefähr zwei Meilen zurück. Eine ziemlich eindrucksvolle Form von „Estate Whisky“.

Auch experimentierfreudiger geht es bei Shelter Point zu. Der Smoke Point beispielsweise entstand ursprünglich aus der Verwendung von Fässern aus Islay, die dem Whisky eine dezente Rauchigkeit verliehen. Als diese Fässer nicht mehr verfügbar waren, begann die Brennerei, eigene Wege zu gehen: Leicht wurden Fässer mit lokalem Holz, Treibholz und Torf geräuchert, bevor darin Whisky reifte. Das Ergebnis ist eine ungewöhnliche Kombination aus feinem Torfrauch und einer eher an Lagerfeuer erinnernden Rauchnote. Der Smoke Point wird mit 53 % vol. abgefüllt.

Zum Abschluss meiner Tour ging es natürlich noch um die Reifung. Rund 3.500 Fässer lagern inzwischen bei Shelter Point. Neben den regulären Abfüllungen gibt es auch besondere Single Casks und Whiskys für den hauseigenen Whisky Club. Dort landen unter anderem Fassstärken und spezielle Fass-Finishes, die nie in den normalen Verkauf gelangen.

Mein Besuch bei Shelter Point hat mir vor allem gezeigt, wie spannend kanadischer Whisky sein kann, wenn traditionelle schottische Methoden auf einen völlig anderen geografischen und landwirtschaftlichen Kontext treffen. Vancouver Island, eigene Gerste, lange Fermentation und klassische Pot Stills – Shelter Point verbindet diese Elemente zu einem Whisky, der seine schottischen Einflüsse nicht verleugnet, aber trotzdem eindeutig seine eigene Geschichte erzählt. Und genau diese Mischung macht den Besuch für mich zu einem der interessanten Stopps meiner Whiskyreise durch Kanada.

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Bis später!

Euer Leon